Nachfesttagsblues

Es regnet den letzten nachweihnachtlichen Schnee weg. Mein Sohn und ich schauen aus dem Fenster. Männer mit Motorsägen zersäbeln den Weihnachtsbaum, der eineinhalb Monate vor unserm Haus stand. Gestern haben sie den Stern von der Kirche abgehängt. Nun ist sie also wieder vorbei, die Zeit des anarchistischen Weihnachtsgefunkels. Das normale Leben atmet auf und sagt: ,,Endlich!“
Die Seele kühlt sich wieder an den Alltag heran. Das Jahr fängt an, als sei es gestorben, und der Kalender sieht aus, als sei es zumindest schon ewig alt. Nun richten wir uns wieder nach Nachrichten, die keine guten sind – wie üblich. Und Informationen halten uns in Form – enorm. Lange her und wie ein altes Foto von daheim – so sieht Weihnachten auch in diesem Jahr wieder aus.
Es ist die Zeit im Jahr, wo ich mir wünsche, dass etwas übrig bleibt von den vollen Kirchen. (Vergiß es, Pfefferkuchen!) Manchmal freue ich mich über ein paar Tannennadeln in den Staubzusammenwehungen in den dunklen Ecken, wo der Staubsauger nur flüchtig hingeschoben wurde.
Seit ein paar Jahren stelle ich mir immer einen alten Hirten von der Weihnachtskrippe auf den Schreibtisch. Ein Souvenir von Weihnachten. So wie man das früher gemacht hat, wenn der Urlaub noch ein bisschen länger dauern sollte.
Manchmal nehme ich ihn einfach mal so in die Hand. Und dann denke ich: ,Du hast damals auch nur den Anfang mitgekriegt.‘ Und ich stelle mir vor, wie er damals wieder zurück gegangen ist in seine Alltäglichkeiten bei den Herden bei den Hürden. Ob er noch erlebt hat, wie es weitergegangen ist mit der skurrilen Familie mit dem Kind aus dem Futtertrog? Wer kann es wissen? Aber den Anfang, den hat er mitbekommen. Und das Licht von dem großen Stern ist für ihn nie wieder ausgegangen und die Engelsgesänge auf den Feldern haben nie aufgehört in seinen Ohren zu klingen. Das hat ihn für immer verändert.
Und ich schaue mit meinem Sohn auf die Reste vom Weihnachtsbaum da draußen. „Mach’s gut, Großer!“, sagt er. Und ich glaube, ein klitzekleines Bisschen freut er sich schon auf Ostern. So ein Sohn! Und ich bin froh, dass das Weihnachtslicht nie wirklich mehr ausgeht. Für ihn nicht. Und auch für mich nicht. Für keinen von uns. Das glaube ich.

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So Gott will – s. G. w.

Über Silvester kam immer die Tante aus Dessau. Sie mochte keinen Karpfen und kein Geknalle.

Zu Hause ging sie früh ins Bett und stellte sich schon abends den Frühstücksteller nebst umgedrehter Tasse auf den Küchentisch.

Aber Silvester wollte sie bei uns sein: Einmal im Jahr mit ganz vielen Menschen. (Wir waren fünf.) Einmal im Jahr lange aufbleiben. (Bis zwölf.) Und beim ins Bett gehen den Pumpenschlauch von der Waschmaschine aus der Badewanne schubsen. (Das ganze Haus hat getropft.) Oder mit kräftigem Händedruck die Klotür aus den Angeln heben. (Huch, wieso das denn?)

Einmal im Jahr. Alles anders.

Zu Weihnachten hatte sie einen Brief geschrieben. Voller Vorfreude und Alltagsgeschichten.

Und drunter stand: „Wir sehen uns dann – s. G. w.“, ausgeschrieben: „So Gott will.“

Früher habe ich mich immer darüber lustig gemacht.

Heute weiß ich: Die Tante aus Dessau hatte eine Frömmigkeit, die ich manchmal gern hätte.

Als Tochter eines Missionars in Afrika hatte sie es von Kindesbeinen an und oft am eigenen Leib erfahren, dass ganz oft oder meistens – eigentlich immer – etwas anders werden kann als einer es sich vorgenommen hat. Und dies „s. G. w.“ hieß nichts anderes, als dass sie immer annehmen musste, dass sich Dinge, Termine und Vorhaben durch Unvorhergesehenes ändern werden.

Manchmal denke ich, dass mir dieses „s. G. w.“ gut täte oder oft gut getan hätte. Zum Beispiel im Blick auf die ausgefertigten Pläne über alle Vorhaben des nächsten oder gar übernächsten Jahres. Natürlich ist es wichtig aufzuschreiben, was werden könnte. Aber: Habe ich bei allem nicht die Rechnung ohne den Wirt gemacht? Rechne ich wirklich noch mit dem, der wirklich Herr über meine Zeit ist? Oder lasse ich ihn lieber draußen, weil er mir nicht in den Kram passt?

Die Tante aus Dessau – da bin ich sicher – hat auch an einem Frühsommertag vor zehn Jahren ihr „s. G. w.“ im Sinn gehabt. Sie hat damals nicht gewusst, dass es ihr letzter Tag sein würde. Aber, dass sie dort ankommt, wo sie hingehört, das hat sie geglaubt. Das hat sie erlebt. Da bin ich sicher.

Ich wünsche Ihnen und uns allen einen guten Übergang in ein segensreiches Jahr 2019 – „s. G. w.“!

Ein paar Knackse (2014)

Wenn der Advent zu Ende geht,
dann bist Du DA.

Und wenn das fünfte Lichtlein brennt,
dann hast Du Weihnachten verpennt.

Einkaufswege und endlose Adventsfeiern
sind gegangen und begangen.
Jetzt holst Du den Schlüssel
aus der Tasche
und bist da.

Ein bisschen wie früher:
Die Tür ging auf –
die dürfte ruhig die letzte sein,
die letzte Tür,
die große am Adventskalender:
Da strahlt ein Weihnachtsbaum.
Da duftet’s nach Gänsebraten und Pfefferkuchen.
Da bist Du geliebt und behütet.
Und draußen fällt in dicken Flocken der Schnee.

Wegen Weihnachten
wissen die meisten von uns
ein bisschen was davon,
was Erfüllung ist,
was Frieden heißt
und den Menschen
ein Wohlgefallen.

Auch wenn Weihnachten
ein paar Knackse bekommen hat
wie die alten Thomanerplatten:
Irgendwo in Deiner Kindheit
leuchtet ein rotbeapfelter Lichterbaum,
gepflanzt mitten in Deine Sehnsucht:

Hier ist DER Raum in der Herberge:
Guten Abend, gute Nacht,
von Englein bewacht,
die zeigen im Traum
Dir Christkindleins Baum.
Paradies – selig und süß!

Zuhause.
Kachelofenwärme.
Schneeflockenträume.
Für viele
ist Weihnachten
wie
das vermisste
Zuhause.
Und wenn alles fehlt
und wenn nichts mehr gut ist
und wenn der Wind rauher wird
dann bist Du hier zuhause –

wie das kleine Mädchen
das mit dem
letzten Schwefelhölzchen
im Erfrieren
das liebe Gesicht
der Großmutter
findet
und in ihren Armen
zu Hause ist.

Die anderen,
die sie am Morgen finden
ahnen nicht,
was sie gefunden hat –
finden durfte.

Zu Hause.
Ich glaube,
das ist es,
was wir alle suchen:

Zuhause sein.
Behaust sein.
Irgendwann ankommen.
Dort, wo Du hingehörst.

Aber eine Braut geht mit ihrem Bräutigam
durch eine dunkle Nacht.
Zuhause sind sie hier nicht.

Und ein Quartier finden sie
nur in einem Stall, die beiden.

Und ein Kind wird geboren.
Und es macht sie zur Familie.
Da ist ein Zuhause.
Weil sie sich haben.
Und weil Gott sagt:
Dort bin ich!

Schaut hin!
Dort liegt
im finstern Stall
des Herrschaft
gehet
überall!

In einer Nacht,
wo man keinen Hund vor dieTür jagt,
wo man keinem werdenden Familienvater
den Stuhl vor die Tür setzt;

in einer Nacht,
in der die Steuererklärung
das Wichtigste ist
vor allem aufkeimenden Leben,
als Quirinius Landpfleger
in Syrien war,

da pflanzt Gott sein Paradies.
Er pflanzt es dorthin,
wo keiner hin will.

Zur dunkelsten Stunde
kommt er in der Welt an.

Wenn der Advent
zu Ende geht …
Wann wird das sein?
Welche Türen
werden aufgehen?

Zu welchen Enden
wirst Du kommen?
Und
hast Du noch Schlüsselgewalt?
Oder Schweigepflicht?

Wie das kleine Mädchen
mit den Schwefelhölzchen?

Kann einer
alles
im Griff haben
und nebenbei
versäumen
was
das Wichtigste
ist?

Zuhause.
Behaust sein.
Wenigstens den Stall.
Wenn schon nichts anderes:

Zwei
haben gefunden,
Hirten und Könige suchen
und finden.
Eine Geschichte
bringt uns mit ihnen zusammen.
Was suchst Du?

Menschen, Käse, Sternefunkeln (2018)

Vorgestern habe ich mich wieder mal den Menschen ausgesetzt. Gut, eigentlich mache ich das ja jeden Tag. Aber vorgestern mal nicht von Berufs wegen.
Wir sind mit der Bahn nach Erfurt gefahren. Die Kinder sollten mal einen richtig großen Weihnachtsmarkt erleben. Und wir Großen natürlich auch. Mit Zuckerwatte, Riesenrad, Märchenwald und Grünkohl.
Was soll ich sagen: Es war toll. Himmel und Menschen waren unterwegs. Und ich war einer von ihnen.
Paulus sagt: Nehmt einander an, wie auch Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.
Manchmal ertappe ich mich dabei, wie es mir Spaß macht, Leute zu beobachten und mir dabei vorzustellen, wer das wohl alles ist: Der Junge mit den langen Haaren und Beinen, der seine Gitarre mühelos ins Gepäcknetz legt. Der Mann mit dem Gesicht, das dauernd so völlig erstaunt in die Gegend zu gucken scheint als sähe er alles zum ersten Mal. Die Frau mit dem Kopftuch, die so aussieht als wäre sie direkt aus meinem alten Heimatdorf hierher gekommen. Der mit der Baskenmütze – ob er wohl Pfarrer ist wie ich? (Lieber nicht fragen!) Oder die Hübsche dorthinten – sie scheint beliebt zu sein, denn rundrum stehen ganz viele andere, sie lachen und trinken Glühwein. Oder der Lange am Riesenrad, direkt neben dem Dicken, die das Ganze bedienen: Beide scheinen nicht von hier zu sein.
Die unermüdlichen Glühweinschöpferinnen und Glühweinschöpfer, Braterinnen und Brater – ob es ihnen wohl immer so Spaß macht, was sie da machen? Die Bettler – müssen die denn auch da sein? Die schwatzenden Jugendlichen, die ewig nicht nach vorne gucken. Die Alten mit den missmutigen Gesichtern. Die gelangweilt und unbeteiligt Aussehenden.
Und alle gehen und stehen unter dem Glitzerlicht der Krämerbrücke, auf dem Domplatz unter Rupfi, der Weihnachtstanne, lassen sich herumschwingen, riechen Weihnachtsduft aus den Pfefferkuchenhütten und das strenge Aroma der Käse- und Fischbuden.
Wortfetzen wehen vorbei. Gelächter. Manchmal auch wütendes Geschrei oder süffisante Bemerkungen zur eigenen Eheliebsten: „Ja. Du hast Recht und ich hab meine Ruhe.“ Und wir sind mitten drin.
Und Paulus sagt: Nehmt einander an, wie auch Christus Euch angenommen hat zu Gottes Lob.
Manchmal, nicht nur auf dem Weihnachtsmarkt, manchmal ertappe ich mich dabei, dass ich aus eigentlich neutralen Beobachtungen von Menschen Urteile ableite. „Na, wer mit dem zusammenleben muss, der hat’s bestimmt nicht leicht, so laut wie der spricht.“ – „Wie die in ihr Brötchen beißt! Das sieht ja vielleicht aus!“ – „Manche drängeln so, als wenn sie dauernd zu kurz kommen!“ Das sind noch ziemlich harmlose Gedanken über Menschen, die ich eigentlich gar nicht kenne und denen ich in diesem Augenblick wahrscheinlich das einzige Mal im Leben begegne. (Ich will jetzt nichts darüber sagen, was ich manchmal im geschlossenen Auto mir völlig fremden Menschen ungehört an den Kopf knalle…)
Aber Paulus sagt: Nehmt einander an, wie auch Christus Euch angenommen hat zu Gottes Lob.
Menschen annehmen. Wie geht denn so etwas Schweres? Da denke ich noch nicht mal nur an die völlig fremden, nur einmal erlebten Menschen. Ich denke zum Beispiel an die, die ich fast jeden Tag sehe, mit denen ich es zu tun habe vom Arbeitskollegen bis zur Familie. Nehme ich sie an? Oder nehme ich sie nur hin, weil sie sowieso da sind und nicht weggehen?
Woran liegt es bloß, dass man manchmal so dachsig ist, so schroff, so schnell fertig mit seinem Urteil?
Ein kluger Mensch schreibt in einem Buch darüber, dass es in unserer Zeit eine Tendenz dazu gibt, dass wir alle irgendwie etwas Besonderes nicht nur sein wollen, sondern sogar müssen, um überhaupt einen Platz in der Welt zu haben. Ich finde, da ist was dran: Du musst Dir Deinen Platz in der Welt behaupten, musst Dich und Dein Leben andauernd in diese Welt hinein entwerfen. Und dazu brauchst Du die Abgrenzung zu den anderen: Ich bin besser, weil ich kann, was Du nicht kannst. So könnte man es vielleicht ganz einfach sagen.
Aber gleichzeitig gibt es auch das Gefühl bei den meisten von uns, dass wir doch nicht zu sehr auffallen wollen. Wer sich zu sehr abhebt, lebt gefährlich.
Wenn Ich darüber nachdenke, dann glaube ich, dass es schon irgendwie stimmt: Ich will etwas Besonderes sein, was mich von anderen unterscheidet. Aber gleichzeitig suche ich manchmal das sogenannte Normale, was mir Sicherheit gibt und mich schützt. Ich glaube, das geht vielen so, wenn nicht sogar den meisten.
Und damit reiben wir uns aneinander. Manchmal ist das gut, manchmal aber auch aggressiv und gefährlich.
Doch Paulus sagt: Nehmt einander an, wie auch Christus Euch angenommen hat zu Gottes Lob!
So. Und jetzt denkt wahrscheinlich die liebe Gemeinde, dass der Pfarrer einen gutgemeinten Appell an Euch und an sich selbst formuliert. Kann ich ja mal machen. Das würde dann vielleicht ungefähr so klingen: „Macht es doch wie Jesus – seid nett zu einander, kümmert Euch umeinander, denkt nicht andauernd so schlecht voneinander oder lasst Euch im schlimmsten Fall einfach in Ruh!“
Und dann gehen wir alle wieder nach Hause und machen so weiter wie immer.
Aber Paulus sagt das nicht. Er sagt nicht: Seid nett zueinander wie auch Christus nett zu Euch und allen war zu Gottes Lob.
Sondern er sagt: Nehmt einander an, wie Euch Christus angenommen hat zu Gottes Lob!
Annehmen, das ist etwas anderes als ein netter Umgang miteinander. Nicht, dass es sinnlos wäre, sich um ein gutes Miteinander zu bemühen – es wäre schon eine ganze Menge. Und es würde wahrscheinlich die Welt um Einiges besser machen. Zumindest, wenn alle das gleichzeitig versuchen.
Aber Annehmen, das bedeutet auch, die Menschen als diejenigen zu akzeptieren, als die sie von Gott geschaffen wurden – auch mich selbst. Akzeptieren und respektieren. Aber nicht alles so lassen, wie es ist. Denn das würde für einen Teil der Menschheit die totale Selbstaufgabe bedeuten.
Wenn ich auf Jesus schaue und lese, was wir von seinem Leben wissen können, dann weiß ich, dass er eben nicht nur ein netter Kerl voller Nachgiebigkeit und Sanftmut gewesen ist. Das Leben, das er gelebt hat, war ein zupackendes, ein schüttelndes und erschüttertes, ein zuversichtliches und angefragtes Leben. Denn er wollte die Mächte in etwas Gutes verwandeln, die mich und jeden Menschen in den Händen halten. Und die ansonsten oft so zerstörerisch in uns und zwischen uns wüten.
Und wenn Paulus mir sagt, dass Christus mich angenommen hat, dann schaue ich auf mich selbst: Auf all das, was in mir ist an Abgründen und Licht, an Zuversicht und Zweifel, an Angst und Vertrauen.
All das hat er angenommen: Meinen Körper und meine Krankheiten, meinen Schmerz, meine Freude und meine Trauer. Meine flammende Liebe und meinen bitteren Hass. Meinen Hochmut und mein Kleinsein. Mein Leben und mein Sterben.
Und ich weiß, dass ich nur einer von Milliarden Menschen bin – jeder und jede mit all dem, was in mir selbst ist – alles in milliardenfacher Ausprägung:
Er hat es angenommen, damit wir davon frei werden und sie als Kräfte unseres Lebens, als Teil des Lebens annehmen und uns nicht davor fürchten. Und das konnte nur er. Weil er von Gott kommt und von Gott ist. Und weil Gott ihn aus Liebe zu uns geschickt hat.
Paulus sagt: Nehmt einander an, wie auch Christus Euch angenommen hat zu Gottes Lob.
Keiner von uns kann das, was Jesus konnte. Was wir aber können ist, genau hinzusehen auf das, was um uns ist. Die Menschen um mich und mich selbst zu sehen als das, was wir sind: Menschen mit einem geschenkten Leben. Ich wünsche mir für mich und für uns alle, dass wir uns gegenseitig das Leben leichter und nicht schwerer machen. Wir können es, weil wir vom gleichen Ursprung sind. Und weil Christus uns angenommen hat zu Gottes Lob.
Wir gehen vom Weihnachtsmarkt nach Hause. Um uns weht der Duft von Glühwein und das Aroma der Käse- und Fischhütten. Und unter dem Glanz der Lichter über Domplatz und Krämerbrücke sieht man in all dem Geschubse und Gerenne, im Zusammenprallen und Lachen das Glänzen und die Freude der Menschen, die sich nach Leben sehnen. Ich bin einer von ihnen und habe die gleiche Sehnsucht nach Leben im Herzen. Da wünsche ich mir, dass Christus den sooft unter grauen Wolken verschlossenen Himmel aufreißt. Dass er kommt. Dass die Welt heil wird und hell und lebendig. Dass es Weihnachten wird. Dass ich mit allen im Licht bin.

Verhältnismäßig unverhältnismäßig (2018)

Manchmal quake ich und klinge
ärgerlich und bin‘s doch nicht,
nur weil Menschen und die Dinge
nicht so sind, wie mir’s entspricht.

Und in öffentlichen Foren
red ich dummes Zeug daher.
Leider treff ich wache Ohren,
und die hören oft viel mehr

von den Dingen, die da lauern
unter kontrollierter Haut.
Ich errichte nichts als Mauern –
und hab nichts als Mist gebaut.

Und ich will mich ja bescheiden
bei den Dingen, die ich sag…
Ich kann mich sooft nicht leiden
und will doch, dass man mich mag.

In Adventu Domini (2015)

Die Zeiten sind anders geworden. Die Töne härter. Das Land dunkler. Spät beginnt die Sonne ihre kurzen Bahnen und bringt sie früh zu Ende. Es passt irgendwie alles zusammen, denke ich, als ich auf der Straße nach Kaltohmfeld fahre. Sturm fegt über die Höhe des Ohmgebirges und klatscht immer wieder nasses Herbstlaub auf die Windschutzscheibe. Der Regen scheint unendlich. Wie eine graue Grabplatte liegen die Wolken über dem Land. Und an den Rändern – da strahlt eine unglaubliche Sonne wie ferne Flammen. Regenbögen breiten sich über den Frühwinter. Nebelwände kriechen aus den Tälern und lassen Reif an den Zweigen als eingefrorene Skulpturen zurück.
Endlich Natur nach all dem richtungslosen Gezänk, denke ich, weil mir plötzlich in den Sinn kommt, wie unerlöst und seltsam unsere menschlichen Alltage sind. Es ist eben noch nicht alles gut. Es ist Advent. In diesem Jahr länger als in anderen. Aber auch insgesamt: Alles scheint im Aufbruch, alles ist bedrückend, alles ist im Fluß. Und keiner weiß, wie es ausgeht. Dunkle Stunden, sonnenarme Tage, spektakuläre Sonnenuntergänge und Sonnenaufgänge. Wind über den Bergen. Undurchschaubare Nebel in den Tälern und in den Gemütern. Kalter Rauhreif und harte Bandagen beim Diskutieren.
Letzte Woche haben wir die neuen Gebäude der GU in Bodenstein besichtigt, gesegnet, begutachtet. Als ich die Fotos davon ins Netz stelle, hagelt es harte Schmähreden, die ich sofort lösche. Und vor meinem Fenster leuchtet jeden Abend ein Weihnachtsbaum und scheint von der guten alten Zeit zu erzählen, als das Wünschen noch half. Und in den Gesprächen weiß ich manchmal nicht mehr weiter, weil in mir auch so viel ist: Soviel seltsames Sorgen und Fürchten, soviel Zukunft, die ich nicht kenne, soviel Sehnsucht nach Stabilität und Bleiben, wo ich doch wissen muss, dass nichts bleibt, dass nichts bleibt, wie es war. Und eigentlich müsste ich das wirklich wissen: Wie oft stehe ich auf Friedhöfen und an Taufbecken, schicke Menschen auf Wege, von denen ich selbst viel zu wenig Ahnung habe. Ich bin immer so glücklich, wenn ich Menschen mit Zuversicht und Zutrauen treffe – Gott sei Dank wohnen vier davon bei uns zu Hause: Sie entdecken ihr Leben und machen sich nicht so viele Erwachsenengedanken, weil sie ja noch Kinder sind. Und während ich das denke, klatscht mir wieder eine Ladung altes Laub auf die Windschutzscheibe. Es kommt so plötzlich, dass ich vor Schreck das Blut bis in die Fingerspitzen schießen fühle. Eigentlich bist Du auf viel zu wenig vorbereitet. Hast Du noch Gewissheit über irgendetwas?

„Im fünfzehnten Jahr der Herrschaft des Kaisers Tiberius, als Pontius Pilatus Statthalter in Judäa war und Herodes Landesfürst von Galiläa und sein Bruder Philippus Landesfürst von Ituräa und der Landschaft Trachonitis und Lysanias Landesfürst von Abilene, als Hannas und Kaiphas Hohepriester waren, da geschah das Wort Gottes zu Johannes, dem Sohn des Zacharias, in der Wüste.“

Zeiten sind immer so wahnsinnig definiert. Gerade bei Lukas ist das wichtig: Mitten in der Zeit, in der er lebt, da passiert etwas. Eigentlich ja logisch, denke ich: Das, was passiert, das passiert immer genau jetzt. Zum Beispiel jetzt, als Angela Merkel Bundeskanzlerin in Deutschland ist, Frank Walter Steinmeier Außenminister, jetzt, da Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten wird und Putin mit verschiedenen anderen etwas zerbombt, das früher die Stadt Aleppo in Syrien war und Tausende sich auf den Weg machen – dahin, wo alle Welt sie nicht schätzt, und wo sie nicht ankommen, weil Hunderte von ihnen im Mittelmeer elend ertrinken. Das ist der Advent, in dem wir leben: Du und ich und wir alle. Und ich schaue auf den Himmel, über dem immer noch die graue Grabplatte der Wolken hängt. Und wie ein Inferno strahlen die Sonnenstrahlen an den Rändern wie Himmelsleitern auf die frühwinterlich leere Landschaft. Als kündigte sich etwas an, von dem keiner von uns auch nur die leiseste Ahnung hat. Ich denke darüber nach, dass ich in meinem Leben schon einmal erfahren habe, wie sich alles ändert. Damals haben wir es voller Freude begrüßt. Wie würde es sein, wenn es heute passierte? Genau jetzt?

„Und er kam in die ganze Gegend um den Jordan und predigte die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden, wie geschrieben steht im Buch der Worte des Propheten Jesaja »Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn und macht seine Steige eben! Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden; und was krumm ist, soll gerade werden, und was uneben ist, soll ebener Weg werden. Und alles Fleisch wird das Heil Gottes sehen.«“

Vor sechs Jahren ungefähr, da gab es diesen unglaublichen Hype mit dem Weltuntergang, den angeblich die Maya vorausgesagt haben sollen. Und dauernd gibt es diese Szenarien. Ein ganzes Internet ist voll davon. Egal, welche Seite man auch aufruft: „Der Euro stirbt – sichern Sie Ihr Vermögen!“ Und gleichzeitig gibt es diese unheimlich witzigen T-Shirts mit dem Aufdruck: „Weltuntergang 2012 – ich war dabei!“ Trotzdem, den leichten Schauer von Weltuntergang – offenbar gehört es zu uns Menschen, dass man so etwas braucht. Als die Briten sich gegen die EU entschieden haben, da war es ein Weltuntergang. Als im Jahr 2015 die vielen Flüchtlinge kamen, da war es ein Weltuntergang. Als die Wahlen in den USA so trumpelig ausgingen wie sie ausgingen, da war es wieder ein Weltuntergang.
Und ich gebe zu: Es gibt sie andauernd, diese Untergänge der großen und der kleinen Welt, in der ich lebe. Jedesmal, wenn wieder ein graues Haar ausfällt und die Zähne zu wackeln anfangen. Jedesmal, wenn meine Kinder ein bisschen größer und selbständiger wird. Jedesmal, wenn ich meine Eltern ein bisschen älter finde. Jedesmal, wenn ich an einem Grab stehe. Jedesmal. Jedesmal legt sich die graue Platte über den Himmel und das Licht wird ein bisschen dunkler. Und was eben noch oben war, ist ganz unten. Und was ganz unten war, ist ganz oben. Manchmal fühle ich mich, als sei ich in der Wüste, wo alles leer ist und nur noch Sand bleibt, der zwischen den Zähnen knirscht.
Aber es bleibt nicht leer: Alles Fleisch wird das Heil Gottes sehen! Am Ende ist es heil und nicht kaputt. Am Ende geht zwar etwas unter, aber es kommt auch etwas. Ob ich das glauben kann?

„Da sprach Johannes zu der Menge, die hinausging, um sich von ihm taufen zu lassen: Ihr Otterngezücht, wer hat euch gewiß gemacht, daß ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet? Seht zu, bringt rechtschaffene Früchte der Buße;und nehmt euch nicht vor zu sagen: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott kann dem Abraham aus diesen Steinen Kinder erwecken. Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt; jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.“

Ich gucke auf den Weihnachtsbaum, der da draußen steht. Früchte wird er nicht mehr bringen. Er ist wunderschön gewachsen. Und spätestens am neunten Januar wird man ihn wegbringen, dorthin, wo er fröhlich vor sich hinnadelt. Wenn es gut geht, wird er noch ein schönes Osterfeuer. Aber heute ist er so wunderschön und prächtig. Und bei meiner Autofahrt durch das Frühwinterland sehe ich unter der Himmelsgrabplatte die weiten Felder mit den gelben Blüten. Senf ist das, hab ich mir sagen lassen. Er ist dazu da, den Ackerboden fruchtbar zu machen. Der wächst nur, um irgendwann untergepflügt zu werden.
Wir werden nicht die sein, die den letzten Satz über diese Welt sprechen, denke ich. Wir sind jetzt in dieser Zeit unterwegs. Und wir haben unsere Zeiten. Und, ja, auch an unsere Wurzeln ist schon die Axt angelegt. Eigentlich ein furchtbarer Gedanke. Gleichzeitig ist es gut, wenn ich mich auf irgendwas verlassen kann: Ich gehe nicht verloren! Denn es gibt einen, der mich durch wie durch’s Wasser als Halbertrunkenen zu sich gezogen hat. Einer, von dem ich weiß, dass es ohne ihn nicht geht.
Die Menschen sind zu Johannes an den Jordan gelaufen. Vielleicht, um genau das zu erleben: Diesen Kick: Du wirst unter Wasser getaucht, so lange, bis es fast nicht mehr geht. So lange, bis Du fast tot bist. Wie schmeckt die Luft dann, wenn Du sie wieder atmen kannst? Sie schmeckt, als seist Du erlöst. Aber Johannes setzt noch einen drauf: Wenn das alles war, sagt er, wenn das alles war, dann habt Ihr nichts verstanden! Euer Leben neu lieb zu haben – das ist noch gar nichts! Ihr müsst anders leben! Und sie fragen ihn:

„Was sollen wir nun tun? Er antwortete aber und sprach zu ihnen: Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat; und wer Speise hat, tue ebenso. Es kamen aber auch Zöllner, um sich taufen zu lassen, und sprachen zu ihm: Meister, was sollen denn wir tun? Er sprach zu ihnen: Fordert nicht mehr, als euch vorgeschrieben ist! Da fragten ihn auch Soldaten und sprachen: Was sollen denn wir tun? Und er sprach zu ihnen: Tut niemandem Gewalt oder Unrecht und laßt euch genügen an eurem Sold!“

Es ist ganz einfach, sagt Johannes: Tut alles füreinander und tut nichts gegeneinander!
Ist es so einfach?
Ich denke an meine Zeit und an mich. Und ich weiß, dass es wichtig ist, das wieder zu entdecken: Dass ich nichts bin ohne die anderen. Dass die anderen auf mich zählen. Dass ich mehr denken muss als meinen eigenen Tellerrand.
Und ich wünschte mir so, es wäre schon Weihnachten und nicht mehr Advent: Dass die graue Grabplatte vom Himmel fällt und die klare Sonne alles hell macht. Und ich wünschte mir so, dass ich begreife, wie es denn gehen kann. Werden wir es irgendwann können? Ich wünsche es mir und Euch und allen!